Karfreitag



Seine Mutter stand nicht am Kreuz und auch seine Freunde nicht, wenn er überhaupt welche hatte. In nur wenigen Stunden würden ihm römische Legionäre die Beine brechen, ihm jede Chance nehmen, sich am Kreuz zum Atmen aufzurichten. Er würde qualvoll sterben – verlassen, verloren, allein. Zwei andere hängen dort mit ihm. Sie lästern über den Mann in der Mitte. Machen ihm Vorhaltungen und klagen ihn an.

Irgendwann schweigen sie. Einer von ihnen spürt, der da in der Mitte ist anders. Er beginnt zu erkennen und zu begreifen. Er legt den Kopf auf die Schulter, dreht sich unter Mühen zur Mitte und bittet: „HERR, denk an mich!HERR, vergiss mich nicht! HERR, lass mich nicht allein!“ Da wendet sich der Mann in der Mitte ihm zu. Unter der Dornenkrone auf seinem Kopf quellen Blutstropfen hervor,rinnen über das Gesicht. Er sieht in die Augen, die ihn voller Liebe und Barmherzigkeit anblicken. Sanft spricht die Stimme des Sterbenden in der Mitte zu ihm: „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ Der Mann in der Mitte, es ist der Sohn Gottes, Jesus Christus.

Bereits bei seiner Verhaftung hatten sich seine Jünger – trotz vorheriger Treueschwüre – auf und davon gemacht, so wie er es ihnen vorhergesagt hatte: „Ihr werdet mich alle verlassen.“ Keiner seiner Gefährten verteidigte ihn. Jesus blieb allein. Keiner seiner Freunde legte vor Pilatus ein Wort für ihn ein. Keiner seiner Begleiter ging dazwischen, als die Legionäre ihn folterten. Keiner seiner Verwandten half, als er das Kreuz aus der Stadt trug. Jesus blieb allein mit seinem Schmerz. Wie muss ihm das geschmerzt haben, von Vertrauten und Freunden sich selbst überlassen zu werden. Es kommt noch schlimmer, noch unvorstellbarer.

Für Jesus, der vor den Toren Jerusalems hängt, werden die letzten drei Stunden zu den einsamsten Minuten des gesamten Universums: „Aber von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. Und die Sonne wurde verfinstert. Um die neunte Stunde schreit Jesus mit lauter Stimme: “Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?” Das, was in diesen drei Stunden geschah, war so schrecklich, dass Gott es mit einem Mantel der sonnenlosen Dunkelheit verhüllt. In den drei Stunden der Gottesfinsternis wird der Sohn Gottes, der Sündlose, zum Sündenträger und „zum Fluch“ gemacht und stellvertretend für alle Menschen von einem heiligen und gerechten Gott gerichtet. Die Schwere des völligen, des umfassenden, des absoluten Alleinseins und Allein-Gelassenseins schreit der Geschundene im Tal der schwarzen Tiefe herzzerbrechend und erschütternd in die Nacht hinaus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ – Warum? Warum du? Warum mich?

Die Antwort auf den Schrei sind wir beide, du und ich. Es war für dich und mich, was dort geschah auf Golgatha. Nicht nur die Frage der Sünde an sich, sondern auch die Menge unserer persönlichen Sünden ist geklärt. Ich hätte das Gericht ertragen müssen. Ich hätte es nie gekonnt. Kein Mensch hätte es gekonnt, nur der eine sündlose Mensch und Gott – Jesus. DEr tat er es für mich und für dich. Er vertrat unsere Stelle, ER litt für uns.

Der eine von ihnen, der Jesus bis zum Schluss verhöhnt hatte, öffnet seine Augen auf der anderen Seite. Er findet sich in der ewigen Verdammnis. Zu spät.Verloren. Für immer allein.Der andere, der Jesus glaubte und ihm reumütig sein Leben anvertraut hatte, öffnet die Augen im Paradies. Eine Hand erfasst ihn, eine durchbohrte Hand. Er sieht und erkennt den Mann aus der Mitte, der ihm versprochen hatte: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ Von Golgatha ist Jesus nicht allein zurückgekommen. Es sind zu dieser Stunde zwei, die das Paradies betreten. Der eine ist Jesus Christus, der Sohn Gottes, der Sieger über Sünde, Tod und Teufel, der andere ein auf der Landstraße des Lebens aufgelesener, gestrandeter, verstoßener Verlorener. Nie mehr wird er allein und verstoßen sein. Er hat sich für Jesus entschieden…

Für was entscheidest du dich?

Quelle: Martin von der Mühlen